2,90 EUR für den Kaffee, 3,25 EUR das belegte Brötchen, 1,49 EUR für eine Apfeltasche und weitere 2,80 EUR für die Zeitung am Kiosk – das sind die Kleinstbeträge, die ich heute ausgegeben habe, und die auf einen Gesamtbetrag von 10,44 EUR kommen. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich zusätzlich fünf digitale Zeitungsartikel, zwei Blogeinträge und ein paar Videos konsumiert. Vermeintlich habe ich dafür nichts gezahlt (siehe Beitrag zu Teil 2 der Reihe – Warum Werbeprofile der Kuhhandel des 21. Jahrhunderts sind), aber mir Werbung angesehen.

Da diese Werbung mir aufgrund meines Online-Profils ausgespielt wird, habe ich diesen digitalen Konsum indirekt mit meinen Daten bezahlt. In meinem letzten Beitrag hatte ich ausgeführt, wie AdBlocker die digitale Werbung für mich ausschalten. So greife ich in das Verhältnis zwischen freiem Digitalkonsum und einem industriellen Gegenwert ein, indem ich Inhalte konsumiere, aber gleichzeitig die Einkommensquelle der Website-Anbieter beschneide.

Informationshappen auf dem Ernährungsplan

Neben AdBlockern gibt es auch andere Möglichkeiten, die zwar Symptome des im Hintergrund laufenden Datenhandels bekämpfen, aber nicht die Krankheit selbst behandeln, die es in dem heutigen System gibt.

Ein weiteres Mittel sind sogenannte Micro Payments (Zahlungen von Kleinstbeträgen), mit denen der Nutzer für den Konsum von Inhalten in Form von Centbeträgen bezahlt. Der bekannteste Fall von Micro Payments war wohl iTunes von Apple, bei dem jeder Song 0,99 EUR gekostet hat. Heute versuchen Dienste wie Blendle den Verlagen zusätzliche Einnahmequellen zu schaffen, indem Kunden nicht mehr für das gesamte ePaper der Zeitung zahlen, sondern einzelne Artikel ab 0,15 EUR erwerben können.

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Paid-Content-Nutzung nach Segmenten in Deutschland (Quelle: Statista)

Micro Payments könnten sich somit nahtlos in meine täglichen Kaffee- und Bäckerzahlungen einreihen; nur in deutlich kleineren Beträgen und höherer Anzahl der getätigten Käufe. Das Lesen von Artikeln oder Überfliegen von Inhalten würde damit zu einem weiteren Kostenpunkt in meinem Haushaltsplan. Neben dem Kaffee und Brötchen stehen nun also auch die schnellen digitalen „Informationshäppchen“ auf meinem Ernährungsplan.

In unserem System des scheinbar kostenlosen Journalismus fällt es jedoch zunehmend schwerer, den Wert der einzelnen Medieninhalte schon im Vorhinein einzuschätzen und dem tatsächlichen Betrag für die Vielzahl an gelesenen Artikeln und Beiträgen gerecht zu werden, die man sich heute in bester Fast-Food-Manier zu Gemüte führt. Das Internet hat durch sein gefühlt von Anfang an kostenfreies Konsumieren von Inhalten die eigenen Preise und den Wert ebendieser so stark verwässert, dass Konsumenten selbst bei Bezahlhäppchen regelmäßig die Zahlungsbereitschaft fehlt.

Überlegen Sie selbst: Hätte ich von Ihnen vor Lesens dieses Beitrags 0,29 EUR verlangt, hätten Sie das bezahlt? Wären Sie bereit gewesen, überhaupt etwas zu zahlen?

Micro Payments spülen Geld und Daten in die gebeutelten Kassen

Das ist meiner Meinung nach jedoch nicht die einzige Schwachstelle bei Micro Payments bzw. der Bezahlung von digitalen Inhalten. Es könnte zwar in der Theorie die Werbung überflüssig machen und Geld in die gebeutelten Kassen der Verlage spülen, dennoch gewinne ich dadurch als Nutzer nicht die Kontrolle über meine Daten zurück.

Ganz im Gegenteil. Medienanbieter möchten ihre zahlenden Kunden besser verstehen, ihnen personalisierte Angebote ausspielen und zum nächsten Micro-Payment-Moment verleiten. Das bedeutet jedoch, dass all die Tracker über Cookies, Pixel und Like-Buttons nicht verschwinden. Insofern ist diese Bezahlmethode zwar eine nette Alternative zur Werbung, löst aber mein ständiges Datenproblem nicht und hinterlässt den schalen Beigeschmack, dass Webseiten-Anbieter sich in diesen Fällen doppelt an mir bereichern wollen.

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Umsätze mit Paid Content in Deutschland (Quelle: Statista)

Eine weitere Möglichkeit, um mich ein wenig mehr vor der Datensammelei der Webseitenbetreiber zu schützen, ist die Verwendung eines sogenannten VPN-Clients oder Proxyservers. Damit wird mein Internetverkehr zusammen mit 1.000 anderen Nutzern über einen einzelnen technischen Knotenpunkt geleitet. Folglich ist meine „Identifikationsnummer“ (IP-Adresse) die gleiche wie von 999 anderen Personen. Zwar bin ich damit immer noch über diverse andere Techniken identifizierbar, ich kann allerdings das Risiko, anhand eines einzigen Merkmals eindeutig erkennbar zu sein, reduzieren. Die Daten, die über mich entstehen, verbleiben aber im Netz und sind handelbar.

Für die Nutzer, die einen VPN installiert haben, können weiterhin Artikelempfehlungen und Werbungen angezeigt werden – jedoch für die Zielgruppe, die auch aus den Interessen der 999 anderen Nutzer entstanden ist. Spannend, aber schnell nervig!

Denn dies bedeutet in der Konsequenz, dass ich bei einem einmaligen Besuch auf der Apotheken-Webseite in eine Zielgruppe falle, die höchstwahrscheinlich völlig anders ist, als das, was mich interessiert. Dadurch kann es leicht passieren, dass ich am Ende Werbung für Stützstrümpfe und Nagellack angezeigt bekomme, die sicherlich nicht meinen eigenen Interessen entsprechen. So bin ich zwar teilweise (in einer Gruppe von 1000 Menschen) anonym; der große Trumpf, Inhalte basierend auf meinen selbstgesteuerten Interessen angezeigt zu bekommen, geht jedoch meistens verloren.

Anstatt meine Inhalte individuell über meine Identität zu steuern, werde ich so ein Teil der grauen Masse und kann die volle Chance, die mir das Internet und eine intelligente Datensteuerung bieten würden, nicht ausschöpfen und genießen.

Aktives Mitwirken bei der Datenkontrolle dringend erwünscht

Das Gleiche gilt auch für diesen Beitrag. Stecken Sie in einer für Sie unpassenden oder gar falschen „elektronischen Zielgruppe“, sind die Ergebnisse Ihrer Recherchen und Ihre Suchvorschläge abgefälscht. Mit Pech wären Sie in diesem Fall auch nicht auf diesen Artikel oder unzählige andere für Sie eigentlich interessante Beiträge gestoßen und hätten somit viele Inhalte verpasst. Das ist in der unendlichen Welt des Webs eine eher ernüchternde Vorstellung und aufgrund der technischen Automatisierung ohne individuelle Beeinflussung nicht selten.

Anstatt sich selbst mit einem AdBlocker oder einem VPN in seinem Zimmer zu verkriechen und darauf zu hoffen, dass sich das Datenproblem lösen wird, sollten wir alle an einem zukünftigen System der individuellen Datenkontrolle mitwirken. Parallel dazu können wir die Möglichkeiten, die unsere digitalen Daten für die Entwicklung von Produkten oder Medieninhalten bieten, aktiv mitgestalten. Um dies zu erreichen, müssen wir leider zunächst einen kleinen Schritte zurück – weg von der kompletten algorithmischen Automatisierung, hin zum eigenen gestalterischen Mitwirken und Steuern – bevor wir den nächsten wirklich großen Schritt in eine individuelle Zukunft machen können!

„Ein Espresso? 1,90 EUR! Dieser Artikel? 0,29 EUR bitte.“ Und am Ende geht mir das Kleingeld aus…

 

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Teil 1: Warum Werbeprofile der Kuhhandel des 21. Jahrhunderts sind

Teil 2: Der moderne Cyber-Angriff – Wer im Gladiatorenkampf Ad-Blocker gegen Medienhäuser gewinnt

2 Gedanken auf \"Teil 3: 0,29 EUR bitte! – Oder die Frage nach der digitalen Bezahlung für Inhalte im Netz\"

  1. Gehen wir einmal davon aus, dass jemand etwas für einen Artikel bezahlt, der sich dann ein paar Tage später als Zeitungsente herausstellt. Wie soll man da dann Schadensersatz fordern? Klage über € 0,15? Die Verlagshäuser in Deutschland haben meiner Meinung nach total versagt, sie haben versucht Umsätze mit reisserischen Überschriften zu generieren und mussten ein paar Tage später dann über gerichtliche Verfügungen die Widerrufe drucken. Wer soll denn für so einen Inhalt bezahlen? Wenn man Märchen lesen will geht man zu Disney oder Gebrüder Grimm.

    Ich bin grundsätzlich nicht gegen Bezahlseiten im Internet, aber jeder seine Seite aufbauen wie er will Er muss sein Angebot auch entsprechend Bewerben. Wenn ich dabei gleich mit Copyright Ansprüchen gegen Suchmaschinen und Private vorgehe, dann schaufle ich mir natürlich auch mein eigenes Grab.

    Wenn ich zusätzlich bei der heutigen Ausgabe von Bild.de noch 14 unnötige Java Script Programme laden soll, dann können sie sich den Inhalt egal wie gut er recherchiert und nicht einfach von Agenturmeldungen abgetippt ist, an den Hut stecken. Da ist es einfacher den Fernseher oder das Radio einzuschalten und wesentlich zuverlässigere Nachrichten zu hören und/oder zu sehen.

  2. Hier ist so ein Beispiel einer Zeitungsente: http://www.welt.de/politik/ausland/article156327089/Alkohol-im-Ramadan-Wir-fackeln-euch-ab.html

    Man muss nur das Bild vom Opfer genauer betrachten. Der Kerl kann sich bereits auf dem Foto das Lachen nicht verkneifen. Super recherchiert kann ich nur sagen. Wohlgemerkt steht der Artikel noch immer bereit, obwohl er international bereits als Falschmeldung identifiziert wurde. Aber man muss sich keine Gedanken darüber machen, wurde ja eh nur in Zeitungen von ausgebildeten Journalisten geschrieben, die den selben Wert haben wie die Beiträge auf Facebook, welche im übrigen auch unverkäuflich sind.

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